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Im Gespräch mit Sandra Gockel

By April 26, 2021No Comments

Wenn man jemanden kennenlernen möchte, dann spricht man miteinander. Deshalb lade ich regelmäßig Gäste aus meiner Heimat, Vertreter der Politik oder Wirtschaft und Menschen, die irgendwas besonderes machen zum Gespräch ein:

1. Corinna Franke-Wöller: Du bist mit Leib und Seele Mutter, Lehrerin und Politikerin. Wie schaffst du diesen ständigen Spagat zwischen diesen unterschiedlichen Anforderungsprofilen?

Sandra Gockel: Gelassenheit. Ich denke, dass es Gelassenheit ist, die mir hilft, die Dinge miteinander zu verbinden. Und es ist Freude: so herausfordernd es erscheint, so bereichernd kann es sein, unterschiedliche Dinge zu tun und immer wieder zu einem Wechsel der Perspektive gezwungen zu sein.
Ich bin ein gutes Stück durch mein Leben gegangen. Ich habe Höhen und Tiefen erlebt. Diese Erfahrung hilft sehr, Prioritäten zu setzen und sich nicht durch die Dinge, die sich nur vermeintlich durch ihre Dringlichkeit zu empfehlen scheinen, treiben zu lassen. Wir haben viel mehr in der Hand als wir denken. Ohne aber die Unterstützung der Familie – wir leben mit meinen Schwiegereltern in einem Haus – stößt auch Frau mal an Grenzen.

2. Dem Sport gegenüber hege ich ja ambivalente Gefühle insbesondere nach meinem fiesen Tischtennisunfall vor einem Jahr. Wie hältst du dich fit?

Vier Kinder und das berufliche, wie ehrenamtliche Engagement fordern ihren Tribut: Zeit ist knapp und muss gut genutzt werden. Daher bin ich froh, dass ich meine Kinder alle für den Golfsport und das Snowboard begeistern konnte. Ich habe immer wieder Möglichkeiten genutzt auch bei meinen Schülern mitzumachen. Ich achte sehr darauf, dass ich meine Zertifizierung als Skilehrerin pflege. Ich bin seit 1997 als Lehrerin durchgehend im Beruf. Im letzten Jahr habe ich eine Auszeit genommen, um das zu bewahren, was die Grundlage für alles Engagement ist: meine Gesundheit. Seitdem schaffe ich es, neben Familie, Schule und Politik mir auch Zeit für mich zu nehmen: ich wandere gern und vor allem lange Strecken. Wir wohnen in Heidenau und es gibt um uns herum viele wunderbare Wege und Orte. Meine Neugier ist mein Ansporn mich immer wieder zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf den Weg zu machen. Nach einem Lauf am Morgen, sei es im Schnee oder im Sommer in der aufgehenden Sonne, gibt Kraft über den Tag hinaus.

3. Insbesondere als Chefin der Frauen Union Sachsen hast du in den letzten Jahren wichtige politische Akzente gesetzt. Was sind für dich frauenpolitisch die wichtigsten Herausforderungen für eine neue Bundesregierung?

Ich bin skeptisch, ob die Bundesregierung die richtige Adresse für meine Wünsche ist. Denn Bundestag und Bundesrat haben in der Vergangenheit auch eine ambivalente Rolle gespielt. Ich glaube die größte Herausforderung ist es, wirklich etwas zu verändern und nicht nur die Veränderung anzukündigen. Wichtig ist, dass Familien gestärkt werden und dies zur Entlastung der Frauen führt. Das setzt aber voraus, dass Familie nur dann als solche anerkannt wird, wenn in der Gemeinschaft tatsächlich im Mit- und Füreinander gelebt wird. Schließlich wird es darauf ankommen, dass diese wichtigen Anliegen nicht durch ideologische Schattenspiele diskreditiert werden.

4. Frauen in Führungspositionen sind leider immer noch keine Selbstverständlichkeit. Das sehr geehrte Dame und sehr geehrte Herren kenne ich selbst gut. Was gibst du jungen Frauen mit, die diesen Weg einschlagen wollen?

Mut macht mehr möglich. Wir müssen junge Frauen ermutigen, ihren Weg zu gehen und nicht den Weg ihrer Eltern oder den sich ihre Partner wünschen. Wir müssen eine soziale Infrastruktur vorhalten, die den Frauen ein sowohl als auch ermöglicht und nicht ein entweder oder fordert. Wichtig ist vor allem, sich nicht an anderen jungen Frauen oder medialen Rollenbildern zu orientieren, sondern sich für den eigenen Weg entscheiden und diesen konsequent gehen. Oft erlebe ich, dass die soziale Einbindung, die beste Freundin oder medial genährte Illusionen den Berufswunsch bei jungen Frauen stärker bestimmen als bei Männern. Zudem müssen junge Frauen erkennen, dass die Übernahme von Führungsverantwortung etwas ganz anderes ist, als die Beste auf einem bestimmten Fachgebiet zu sein. Dieser Schritt liegt oft in einer Lebensphase von Frauen, wo der Wunsch nach Familie mit den beruflichen Herausforderungen konkurriert. Ich denke, dass wir uns aber auch davor hüten müssen, unsere Probleme zu denen der jungen Frauen, die sich heute auf den Weg begeben, zu machen. Wir werden uns in einigen Jahren die Augen reiben und uns wundern, dass man im Jahr 2021 noch so zaghaft war. Deswegen sollten sich junge Frauen hüten an den Debatten von gestern zu beteiligen, sondern die Debatten um die Zukunftsfragen zu führen.

5. Die Sehnsucht nach Normalität ist bei uns allen riesig. Einfach mal wieder ins Museum oder eine Galerie gehen, darauf freue ich mich. Wonach sehnst du dich?

Ich haben in meinem Umfeld eine Reihe von Personen, die aufgrund gerade überstandener onkologischer Behandlungen oder durch Vorerkrankungen besonders achtsam sein müssen. Ich wünsche mir, dass wir wieder sorgenfrei Zeit miteinander verbringen können.

5. Was wären aus deiner Sicht die wichtigsten Themen, die du einer Bundestagsabgeordneten in den Rucksack packen würdest?

Der Bund soll sich auf die Dinge beschränken, die bundeseinheitlich geregelt sein müssen. Mehr nicht. Mit Ernst, aber nicht ohne Augenzwinkern frage ich: warum muss der Bund des Kleingartenrecht regeln? Der Föderalismus hat sich bewährt. Wir Sachsen haben – wahrscheinlich historisch bedingt – eine Skepsis gegenüber Berlin. Grade in der Bildungspolitik sehe ich mit Sorge, dass Bundesmittel an politische Bedingungen geknüpft werden. Hier gilt es wachsam zu sein. Der Bund möge sein Potential ausschöpfen, wo er bereits jetzt zuständig ist. Dann würden alle gewinnen. Meine größte Sorge ist, dass Demokratie und Teilhabe für die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr genügend erlebbar ist und nur durch die mediale Verzerrung wahrgenommen wird. Ich glaube, dass der Bundestag stärker darauf achten muss, dass die Selbstermächtigungen europäischer Institutionen beendet werden.
Die europäische Idee wird nur dann weiter Früchte tragen, wenn die Dinge, die Europa macht, gut gemacht werden. Je mehr europäische Institutionen entstehen oder bestehende ausgebaut werden, umso mehr werden diese Institutionen ihre Berechtigung unter Beweis stellen wollen. Je mehr man in der Politik der Versuchung erliegt, den Umweg über Europa zu gehen, weil man im eigenen Land keine Mehrheit findet, umso mehr wird die europäische Idee, die letztlich die Basis unseres Friedens ist, beschädigt. Es reicht nicht, dass das Bundesverfassungsgericht die letzte Bastion ist, die die Bundesregierung, die Europäische Kommission oder den Europäischen Gerichtshof in ihre Schranken weist. Hier muss das Parlament stärker aktiv werden. Ich möchte ein einfaches Beispiel geben: wenn man sich anschaut, was die europäische Kommission in ihren seitenlangen Maßgaben zur Genehmigung von Beihilfen für den Breitbandausbau schreibt, dann versteht man, welche ordnungspolitische Fehlentwicklung hier stattgefunden hat. Hätte es diese Regeln vor 150 Jahren gegeben, hätten wir bis heute weder Eisenbahnen noch befestigte Wege von den Wohnorten der Kinder in unsere Schulgebäude, weil in Brüssel der öffentlichen Hand die Initiative versagt hätte.
Wir wollen unser Land gestalten. Diesen Anspruch erhoffe ich mir von einer neuen Bundesregierung und vom neuen Bundestag. Ein zweites großes Thema ist – wenn es die Mehrheiten irgendwie ermöglichen – eine Korrektur der letzten Föderalismusreform. Das Verhältnis von Bund und Ländern muss klar geregelt sein und darf sich nicht in Unklarheiten verlieren. Schließlich – vielleicht ist das das Wichtigste – solltest Du in Berlin immer und immer wieder den Kolleginnen und Kollegen aus den alten Bundesländern klarmachen, dass sie sich genau überlegen sollen, ob sie den Strukturwandel aushalten würden, den wir – vor allem unsere Eltern – im Osten durchgestanden haben. Es gilt auch heute noch: es mag sein, dass die alten Bundesländer den Prozess der deutschen Einheit mit Geld bezahlt haben. Die Menschen in den jungen Bundesländern – vor allem unsere Eltern – haben dies mit Brüchen in den Biographien bezahlt.

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